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Aus der Krise lernen

Für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem

Wien, 22.09.2020 (aktualisiert am 29.10.2020)

Hamsterkäufe und gehortete Lebensmittelvorräte, Brotbackvideos, fehlende Erntearbeiter*innen, verdorbene Kartoffelberge, die zum Export bestimmt gewesen wären, beklatschte Supermarktkassierer*innen, Regionalität als Markenwert, geschlossene Gastronomiebetriebe, Infektionscluster in der Fleischverarbeitung… Das sind nur ein paar der Schlagzeilen über Lebensmittel, die uns in den vergangenen Monaten begleitet haben.

Innerhalb weniger Wochen haben sich die Folgen des Ausbruchs der Corona-Pandemie in unserem gesamten Ernährungssystem bemerkbar gemacht. Gleichzeitig ist in dieser außergewöhnlichen Situation eine Vielzahl an Missständen entlang der Wertschöpfungskette von Lebensmitteln sichtbar geworden und hat es bis in die massenmediale Berichterstattung geschafft.

Die Corona-Krise hat unser Ernährungssystem vor Herausforderungen gestellt, die viele von uns direkt in ihrem Alltag zu spüren bekommen haben. Der Großteil dieser Probleme hat ihren Ursprung jedoch nicht erst in den Folgen der Pandemie. Vielmehr hat die Krise Schieflagen des Systems aufgezeigt, die bereits zuvor existiert haben – aber eben Teil der Normalität waren.

Viele haben sich gefragt, ob die Zuspitzung in der Krise ein Möglichkeitsfenster für Veränderung eröffnet und gar an den Grundfesten des Systems rüttelt. Es zeigt sich allerdings, dass es so notwendig wie bisher ist, die sichtbar gewordenen Probleme genau im Blick zu behalten und Lösungsmöglichkeiten gemeinsam zu entwickeln.

Der Ernährungsrat Wien hat daher nicht nur die Entwicklungen der letzten Monate verfolgt, sondern versteht es als seine Aufgabe, Ansätze für eine alternative Zukunft zu diskutieren. Im Fokus der aktuellen Kampagne des Ernährungsrats stehen Wissenschaftler*innen, Journalist*innen, Akteur*innen im Ernährungssystem und NGOs, die Forderungen für die zukünftige Gestaltung eines gerechten Ernährungssystems stellen oder sich für die Rechte betroffener Gruppen einsetzen.

Zahlreiche Artikel, Hintergrundberichte, Studien oder Kommentare der letzten Zeit widmen sich einzelnen Aspekten der Krise – von den ökologischen Folgen industrieller Landwirtschaft über gerechte Bodennutzung oder Arbeitsausbeutung in Produktion, Verarbeitung und Handel bis zu individuellem Konsumverhalten. In den nächsten Wochen macht sich das Redaktionsteam bestehend aus Charlotte Kottusch, Sarah Kresser, Michael Kubiena und Fiona Steinert Gedanken über Zusammenhänge dieser Fragen innerhalb des Ernährungssystems und darüber hinaus.
Wir zeigen außerdem auf, wie es anders laufen könnte – welche Wege zu einem solidarischen und gerechten Ernährungssystem führen könnten und welche Organisationen und Initiativen bereits daran arbeiten. Ihre Arbeit gilt es zu unterstützen, um unsere Versorgung und Ernährung in eine sozial und ökologisch nachhaltigere Richtung zu bewegen.

So sehr uns die letzten Wochen und Monate vor Einschränkungen und viele Menschen auch vor existenzielle Herausforderungen gestellt haben, so deutlich hat uns diese Zeit auch gezeigt, dass Veränderung nicht nur nötig, sondern auch möglich ist. Darum wollen wir euch hier in regelmäßigen Abständen zu unterschiedlichen Schwerpunkten und möglichen Lösungsansätzen auf dem Laufenden halten!

Krisenfester Boden

Fiona Steinert, 24.09.2020

Wir beginnen da, wo der Lauf vieler unserer Lebensmittel seinen Anfang nimmt: beim Boden für den Anbau von Lebens- und Futtermitteln. Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat in den vergangenen 70 Jahren einschneidende Auswirkungen auf die Ressource Boden genommen. Dazu kommen Urbanisierungsprozesse und Bevölkerungswachstum in Kombination mit einer steigenden Nachfrage nach Fleisch und tierischen Produkten einerseits und rasanter Bodenversiegelung andererseits, die allesamt gravierende Umweltauswirkungen nach sich ziehen.

Zunehmend leben sowohl Menschen in Mega-Cities als auch Tiere in der Massentierhaltung auf engstem Raum zusammen. Gleichzeitig rücken durch Verstädterung und massive Rodungen für den industriellen Anbau beispielsweise von Soja oder Palmöl die Lebensräume von Menschen und Wildtieren immer näher zusammen.

Unter diesen Bedingungen ist die Ausbreitung von Krankheiten vorprogrammiert und wird in der Tierhaltung zumeist mit der prophylaktischen Verabreichung von Antibiotika und anderen Medikamenten bekämpft – wiederum mit schwerwiegenden Folgen. Und auch die Übertragung von Viren auf Menschen ist so zunehmend wahrscheinlich.

Der Biologe Rob Wallace hat schon 2016 in seinem Buch "Big Farms Make Big Flu" auf die Zusammenhänge zwischen Agrarindustrie und der Verbreitung von Viren aufmerksam gemacht. Die Wissenschaftlerin Kate Jones bezeichnet den starken Anstieg der von Tieren übertragenen Krankheiten als versteckte Kosten des wirtschaftlichen Wachstums und warnt vor weiterer Zerstörung der Habitate. Umgekehrt tragen Landschaften, die reich an Biodiversität sind, durch angepasste Sorten und resiliente Ökosysteme dazu bei, die Weltbevölkerung auch in Zeiten des Klimawandels und anderer Krisen zu ernähren.

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Fiona Steinert, 28.09.2020

Organisationen wie FIAN oder Via Campesina befassen sich seit vielen Jahren mit dem Zusammenhang von Menschenrechten und globalen Strukturen der Agrarwirtschaft. Die Ressource Boden, wer sie besitzt und wie sie bearbeitet wird, spielen dabei eine zentrale Rolle. Mit der Globalisierung und Finanzialisierung des Lebensmittelsektors externalisiert der Norden Flächen zum Anbau von Grundnahrungsmitteln zunehmend in den Süden. Vielfach findet diese Auslagerung auf dem Boden von indigener Bevölkerung und Kleinbäuer*innen statt, der zuvor das wirtschaftliche Überleben und die Versorgung der lokalen Bevölkerung sichergestellt hat.

Aber auch in Europa selbst findet ein Wachstum großer Betriebe auf Kosten von kleinstrukturierter Landwirtschaft statt. Immer weniger industrielle Großbetriebe besitzen einen immer größeren Anteil an landwirtschaftlichen Flächen. Diese Tendenz wird von der EU-Agrarpolitik auch noch weiter befördert, indem Subventionen in Bezug auf Flächen statt anhand der Qualität der Produkte oder der Umweltverträglichkeit der Produktion ausgeschüttet werden.

Statt der Konzentration auf einige wenige marktbestimmende Akteure würde die Diversifizierung von Flächen Ernährungssicherheit gerade in Krisenzeiten erhöhen. Kleinteilige Strukturen sind in der Regel außerdem ein Garant für die Erhaltung von Biodiversität als Grundlage eines resilienten Ökosystems.

Die Abhängigkeit der Lebensmittelproduktion von multinationalen Konzernen und dem Geschehen am Weltmarkt zeigt seine Auswirkungen in der Corona Krise im Norden wie im Süden. Daher prognostiziert OXFAM einen radikalen, weltweiten Anstieg von Hunger im Jahr 2020.

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Fiona Steinert, 02.10.2020

Vom internationalen Kontext zurück zum lokalen Boden: Zwischen 1990 und 2016 sind in Wien laut Agrar Atlas 2019 30% der land- und forstwirtschaftlichen Fläche umgewidmet worden. Diese Umwidmungen werfen Fragen zu städtischen Lebensmittel-Versorgungsstrukturen auf. Und sie deuten auf steigende Bodenversiegelung hin, die entsprechend negative Auswirkungen auf Wasserhaushalt, Klima (Stichwort Urban Heat Islands), Ökosysteme und verfügbare Grünräume in der Stadt hat.

Neben den ökologischen Auswirkungen haben Grünräume in der Stadt eine wesentliche soziale Funktion. Sie bedeuten Krisenresilienz durch die Möglichkeit zur partiellen Selbstversorgung. Wie wichtig solche Freiräume besonders in Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte und geringer Wohnfläche pro Bewohner*in sind, hat sich in den Zeiten des Lockdowns deutlich gezeigt.

Auch wie ungleich verteilt das „Grün“ der „grünsten Stadt der Welt“ ist, wurde unter diesen Umständen besonders deutlich: Durch die extrem dichte Bebauung in den inneren Bezirken und den Gegenden mit besonders hohem migrantischen Bevölkerungsanteil rund um den Gürtel, hat die Mehrheit der Menschen, die dort leben, kaum direkten Zugang zu Grünraum. „Kühle den Villen, Hitze den Zinshäusern“ kritisiert daher ein Artikel im mosaik-blog die aktuelle Planung der Stadt, die sich zum Ziel gesetzt hat, bis 2025 in Wien 10.000 neue Straßenbäume zu pflanzen. Der Ansatz scheint in Relation gesetzt ungenügend: Wien müsste über 100.000 neue Straßenbäume pflanzen, um auf die Straßenbaumdichte Berlins zu kommen.

Die Verfügbarkeit von Flächen, die Eigenanbau, Community Garden Projekte und ähnliches ermöglichen, stellt daher eine zentrale Forderung dar, an deren Umsetzung der Arbeitskreis Urbane Landwirtschaft und Stadtentwicklung des Ernährungsrat Wien arbeitet. Organisationen wie gartenpolylog leisten hier wesentliche Arbeit bei der Unterstützung der Selbstorganisation von gärtnernden Menschen in der Stadt.

Grünflächen auch in Wohngegenden müssten als Potential für die Essbare Stadt mitgedacht und -geplant werden. Flächen zur Nah- und Selbstversorgung sowie Erholung in der Stadt sollten nach dem Prinzip der Allmende als urbane Gemeingüter (genauso wie Verkehrsinfrastruktur, Wasser, Bildung etc.) definiert sein. Außerdem könnte urbane Landwirtschaft als Musterbeispiel für das Zusammendenken von Leitbildern zum Grünraum und Fachkonzepten zur Produktiven Stadt dienen.

An unterschiedlichen Orten in Wien engagieren sich derzeit Initiativen für den Erhalt von Grünflächen oder die Schaffung von Freiräumen: So z.B. rund um die Bebauung und das Verschwinden der landwirtschaftlichen Nutzung im Donaufeld. Im Westbahnareal, das als Teil des Wiental-Grünkeils künftig der Westbahnpark werden könnte. Oder in Rothneusiedl, wo der Zukunftshof versucht, landwirtschaftliche Produktion in einem zukünftigen Stadtentwicklungsgebiet zu sichern. Grünraum und Nahversorgung sind nicht nur – aber besonders – in Situationen, wie sie durch die Pandemie oder ähnliche Krisen hervorgerufen werden, von enormer Relevanz für physische und psychische Bedürfnisse einer Großstadtbevölkerung und bieten das Potential für sozialen Zusammenhalt und Selbstbestimmung.

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Existenzen in der Krise

Fiona Steinert, 09.10.2020

Die landwirtschaftliche Produktion ist wesentlich von Arbeitskräften aus dem Ausland abhängig. Das haben uns die geschlossenen Grenzen während des Lockdowns im Frühjahr vor Augen geführt. Dass der mit den Grenzschließungen entstandene Arbeitskräftemangel ganz direkt mit den vorherrschenden miserablen Arbeitsbedingungen in der Erntearbeit, aber z.B. auch der Fleischverarbeitung zu tun hat, wurde dabei ebenso deutlich. Denn auf Mindestlöhne von rund 7 Euro, wenn diese überhaupt ausgezahlt werden, Arbeitswochen von bis zu 100 Stunden, fehlende Anmeldungen zur Sozialversicherung und ähnliche Missstände lassen sich nur Menschen ein, die anderswo noch schlechteren Bedingungen ausgesetzt sind. Zwar gab es auf die eilig ins Leben gerufenen Plattformen zur Arbeitskräftevermittlung in der Landwirtschaft großen Rückhall aus der Bevölkerung. Doch sahen sich Bäuer*innen bei den Arbeitswilligen entweder mit verklärten Vorstellungen von den körperlichen Anforderungen landwirtschaftlicher Arbeit konfrontiert oder etwa mit konkreten Forderungen zu Arbeitszeiten. Interessant zu verfolgen war dabei, wie im politischen Diskurs innerhalb kurzer Zeit so aus ausländischen Ernte“helfer*innen“ qualifizierte Facharbeitskräfte wurden. Diese neue Wertschätzung könnte sich materialisieren, indem sie sich in den Kollektivvertragsverhandlungen vor der nächsten Erntesaison niederschlägt.

Konventionelle Massenproduktion ist von der Preispolitik von Supermarktketten abhängig und muss mit Produkten konkurrieren, die u.a. aufgrund noch geringerer Entlohnung in anderen Ländern billiger als einheimisches Gemüse auf den Markt kommen. Damit werden in der Regel die niedrigen Löhne für Erntearbeiter*innen hierzulande argumentiert.

Arbeitsausbeutung ist damit nicht ein Problem einzelner sogenannter „schwarzer Schafe“, sondern Bestandteil des Systems, auf dem die konventionelle, auf Masse ausgerichtete Lebensmittelproduktion beruht. Ungleichheit ist die Voraussetzung, dass wir Lebensmittel zu Billigpreisen im Supermarkt kaufen können. Angemessene Löhne, besserer legaler Zugang zum Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte und die Absicherung von Erntearbeiter*innen würden Mechanismen der Ausbeutbarkeit aufheben und damit menschenwürdigere Arbeitsbedingungen in der landwirtschaftlichen Produktion ermöglichen. Eine höhere Wertschätzung von Lebensmitteln bedeutet auch entsprechende Anerkennung der damit verbundenen Arbeit.

Die Maßnahmen infolge des Pandemieausbruchs haben uns kurzfristig ahnen lassen, dass unser System der Nahrungsmittelversorgung fragil ist. Und dass wir unsere existentiellsten Bedürfnisse nicht den Spielregeln des Marktes überlassen dürfen, die auf Profitinteressen und Ausbeutung beruhen.

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Fiona Steinert, 17.10.2020

Von der Landwirtschaft zu leben, zeigt sich in konventionellem Betrieb schon länger als ein prekäres Unterfangen. Dies betrifft sowohl die dort Beschäftigten – in der saisonalen Arbeit hierzulande vielfach Migrant*innen aus Osteuropa und der Ukraine – wie auch die Eigentümer*innen oder Pächter*innen von landwirtschaftlichen Betrieben.
Aufgrund der niedrigen Abnahmepreise für Lebensmittel sind sie zu ständiger Vergrößerung und entsprechenden Investitionen gezwungen. Um diese Investitionen abdecken zu können, müssen die Ertragsmengen gesteigert werden, was wiederum ein Wachstum der Betriebe erfordert. Ein Teufelskreis, der mit den Schlagworten „Wachsen oder Weichen“ als Tendenz in die Entwicklung der Landwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte eingegangen ist: Immer weniger industrielle Großbetriebe besitzen einen immer größeren Anteil an landwirtschaftlichen Flächen. Olivier de Schutter, ehemaliger UNO Spezialberichterstatter für das Recht auf Nahrung, spricht von einem Verlust von 2/3 der landwirtschaftlichen Betriebe in Europa in den vergangenen 30 Jahren. In Österreich sind laut Agrarstrukturerhebung der Statistik Austria zwischen 1990 und 2016 über 40% der Betriebe (das sind gesamt knapp 120.000) verschwunden.
Die Verdrängung kleinstrukturierter Landwirtschaft führt auch zu einem gravierenden Verlust an Arbeitsplätzen. Denn die Anzahl von Beschäftigten pro Hektar nimmt mit zunehmender Größe aufgrund von Mechanisierung und dem vermehrten Einsatz von Technologien tendenziell ab. Nach Angaben der Statistik Austria ist die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in Österreich von 1950 bis 2016 von ca. 1,6 Mio auf ein Viertel davon, rund 400.000 Menschen, gesunken. Solange die Agrarförderpolitik auf EU- und nationaler Ebene weiter auf Quantität ausgerichtet ist, also pro Hektar oder Tier erfolgt, wird sie nicht zur Absicherung von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft beitragen können.

 

© Statistik Austria

 

Zudem bedeutet die Konzentration von Flächen in den Händen von Großbetrieben Abhängigkeit von einigen wenigen, marktbestimmenden Akteur*innen. Und solche Abhängigkeiten erweisen sich in Krisenzeiten als fatal, wenn Grenzen plötzlich für Arbeitskräfte gesperrt und Transportwege abgeschnitten sind oder nationale Interessen dazu führen, dass Lebensmittel nicht mehr auf den Weltmarkt gelangen.
Die während des Corona-Lockdowns vielerorts neu entdeckte Sehnsucht nach Produkten von dem Bauern oder der Bäuerin "von nebenan" steht in scharfem Kontrast zur Realität von Monokulturen und industriellen Tierzuchtbetrieben. Eine Diversifizierung in der landwirtschaftlichen Produktion und die Förderung kleinerer Betriebsstrukturen, wie sie in Österreich ja auch noch existieren, würde Ernährungssicherheit auch in Krisen dagegen erhöhen.

Zunehmend etablieren sich aber auch wieder andere Formen der Landwirtschaft – kleinteilig und auf Qualität ausgerichtet. Im Modell Solidarischer Landwirtschaft, auch unter dem englischsprachigen Begriff Community Supported Agriculture (CSA) bekannt, stehen die Produzent*innen in direkter Beziehung mit ihren Abnehmer*innen. Hier unterstützen die Konsument*innen die Existenz von Bäuer*innen durch den Erwerb von Ernteanteilen und beteiligen sich zeitweise an der Arbeit. Und Initiativen wie das Netzwerk Existenzgründung in der Landwirtschaft, das außerfamiliäre Hofübergaben unterstützt, helfen neue Ansätze in der Landwirtschaft zu verwirklichen und dabei bestehende Betriebe zu erhalten.

Die Absicherung von Menschen, die in der Landwirtschaft leben und arbeiten – seien es Landwirt*innen oder Landarbeiter*innen – muss umfassend erfolgen. Dazu bräuchte es in einer nachhaltigen Förderpolitik neben finanziellen Maßnahmen auch die Wahrung von Sozialstandards, wie sie in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU derzeit fehlen. Immerhin nimmt aber die im Mai 2020 von der Europäischen Kommission veröffentlichte Farm to Fork-Strategie auf die Anerkennung der Europäischen Säule sozialer Rechte Bezug. Das gibt immerhin einen Ausblick auf eine mögliche Wende im Umgang mit landwirtschaftlicher Arbeit.

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Regionalität

Fiona Steinert, 29.10.2020

„Aus der Region“ ist nicht erst seit der Corona-Pandemie eine beliebte Produkt-Kennzeichnung von Lebensmitteln – und oft automatisch mit hochwertiger Qualität und Nachhaltigkeit assoziiert. Der Handel hat dies längst erkannt und bewirbt heimische Produkte mit Bildern vom glücklichen Schwein. Zusätzlich zur „Regionalität“, die sich einige Konsum-Bewusste damit leisten, hat die Corona-Krise den Blick verstärkt auf die Versorgungssicherheit in Österreich gelenkt. Die österreichische Regierung äußerte beim Regionalitätsgipfel im Mai 2020 das Bestreben, den Selbstversorgungsgrad bei kritischen Produktgruppen zu erhöhen, um die Versorgung krisensicherer zu machen.

Wie der Ernährungsrat Wien in einem Kommentar zum Regionalitätsgipfel bereits kritisiert, ist es mit Regionalität allein aber nicht getan. „Regional“ ist nicht per se ein Qualitätsmerkmal: Ausbeutung von Arbeiter*innen passiert auch direkt vor unserer Tür, wie durch die Krise verstärkt sichtbar wurde (siehe Blogabschnitt zu Arbeit und Ausbeutung). Eine bestimmte Herkunft wird erst dann zu einem spezifischen Güte-Kriterium, wenn Herkunftsangaben an konkrete Herstellungs- oder Handelskriterien geknüpft werden – etwa im Zuge von Kennzeichnungssystemen. Hinzu kommt die dehnbare Auslegung des Begriffes „Region“, die zumeist mit nationalen Grenzen gleichgesetzt und damit mit der Region nur noch mäßig viel zu tun hat.

Dennoch, vor allem zu Beginn der Corona-Krise bekamen viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben leere Supermarkt-Regale zu Gesicht, worauf alte Überlebensinstinkte und konsumgetriebene Überreaktionen das Hamstern von Lebensmitteln veranlassten. Für Viele wurde dadurch die Bedeutung einer lokal erreichbaren und direkt zugänglichen Lebensmittel-Erzeugung spürbar. Besonders Biobäuer*innen, die ihre Erzeugnisse wöchentlich mit Gemüsekisten ausbringen, aber auch konventionelle Hofläden verzeichneten daraufhin einen Zustrom neuer Kund*innen.

Der Adamah Biohof, der seine Kund*innen in Wien seit 2001 mit Bio-Kistln versorgt, hat diese Zunahme ebenfalls beobachten können. Mit Beginn der Pandemie verzeichnet Adamah einen Anstieg der Kistlbezieher*nnen um ca. 50%, von denen die meisten geblieben sind. Jetzt beliefert Adamah pro Woche insgesamt um die 7.000 Menschen in und um Wien – „ohne Corona-Ansturm hätten wir rund 40% weniger Kund*innen“, meint Christian Zoubek, der sich vor allem um den Verkauf im Betrieb und die Kund*innen kümmert.

Eine ähnlich langfristige Steigerung verzeichnen auch kleinere Anbieter wie der "Bioigel", der in Wien seit 2014 Gemüse aus der Region ausbringt. Die rasche Abo-Verdoppelung stellte den Betrieb vor organisatorische Herausforderungen, darunter die Aufstockung des Personals, die Einhaltung verstärkter Hygiene-Maßnahmen und die Unsicherheit bei Ansteckungsgefahr wegen unklarer Vorgaben. Dafür blieb der Bioigel von anderen Auswirkungen der Pandemie wiederum verschont, wie der Kommunikationsverantwortliche Philip Brandenstein schildert: "Wir arbeiten mit regionalen Biobetrieben zusammen, von den Lieferengpässen durch die Grenzschließungen waren wir deshalb nicht betroffen. Regional einzukaufen ist krisensicherer, das hat uns die Situation im Frühling deutlich gezeigt."

Auch bei den SOLAWIs macht sich das bemerkbar. Sara Schaupp, Mitglied der Solidarischen Landwirtschaft Ouvertura bei Moosbrunn in Niederösterreich hat den Eindruck, dass „Wertschätzung und Verständnis für das, was wir [Ouvertura] tun, mehr geworden ist. Das Erleben einer krisenhaften Phase im System, das eine*n umgibt, lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was man unbedingt zum Leben braucht und zeigt die Notwendigkeit von Alternativen auf.“ Dennoch bringe die Pandemie auch negative Auswirkungen für ihre Arbeit mit sich, so ist „die größte Herausforderung […] wohl, das lebendige soziale Zusammensein, das für uns in der SOLAWI sehr wichtig ist, auch mit social distancing zu erhalten“ – und damit das wesentliche Merkmal der Solidarischen Landwirtschaft, die sich der Produzent*innen-Konsument*innen Trennung entgegensetzt, zu bewahren.

Zu hoffen bleibt nun, dass die Tendenz der Bevorzugung regionaler Produkte die Corona-Pandemie überdauert und eine verstärkte Versorgung mit regionalen und unter fairen Bedingungen produzierten Lebensmitteln zunimmt. Denn neben Lieferengpässen, denen durch regionale Produktion entgegengewirkt werden könnte, spielt auch die damit einhergehende Schwankung der Lebensmittelpreise eine wichtige Rolle. In Deutschland waren bereits im Frühsommer Blumenkohl und Brokkoli rund ein Drittel teurer als noch vor einem Jahr – Zucchini kosteten sogar das Doppelte. In einem kommenden Blogeintrag wird dieser Umstand auch für Österreich genauer beleuchtet.

Die Vorteile von regionaler Versorgung, die sozialen und ökologischen Herstellungs- und Handelsbedingungen folgt, sind nicht von der Hand zu weisen. Möglicherweise führt die Corona-Krise hier zu einem Umdenken: Würden unsere Lebensmittel wieder hauptsächlich dort wachsen, wo sie konsumiert werden, könnten wir zum einen Kohlendioxid durch den Transport einsparen. Zum anderen fördern regionale Produkte eine saisonale Ernährung, wodurch sich die Emissionen beheizter Glashäuser reduzieren. Und schließlich, werfen Konsument*innen, die regelmäßig lokal erzeugtes Gemüse kaufen, bis zu 90% weniger Lebensmittel weg, wie eine Studie zu Italien zeigt. Daraus ergibt sich wiederum ein indirektes Klimawandel-Minderungspotenzial. Außerdem kann regionale Produktion ländliche Gebiete mit lokalen Jobs wiederbeleben.

Es braucht die Bereitschaft der Politik, entsprechende Maßnahmen einzuleiten und konsequent umzusetzen sowie die Bereitschaft von Konsument*innen, gezielt regional einzukaufen – auch nach der Corona-Pandemie.

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