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Die Ernährungswende gemeinsam gestalten

für ein demokratisches und zukunftsfähiges Ernährungssystem in der Stadtregion Wien

Wien, 05.04.2020

Warum es eine Ernährungswende braucht – auch in Wien

Unser globalisiertes Ernährungssystem trägt mit ca. einem Drittel der globalen Treibhausgas-Emissionen1 maßgeblich zum Klimawandel bei. Es muss tiefgreifend verändert werden, um auch in Zukunft Nahrung für eine wachsende Weltbevölkerung bereitzustellen. Das gilt auch für das Ernährungssystem der Stadt Wien, das unmittelbar in dieses globale System eingebettet und davon abhängig ist.

Eine weitreichende Ernährungswende hin zu gutem Essen für alle bedarf koordinierter Veränderung auf mehreren Ebenen. Außerdem haben jene Maßnahmen und Aktivitäten, die an mehreren Bereichen des Ernährungssystems gleichzeitig ansetzen, das größte Potenzial, Wirkung zu entfalten und nicht als Nischenlösung zu enden. Dazu gehört zum Beispiel die Bewusstseinsbildung bei gleichzeitig gesteigerter Transparenz der Herkunft von Lebensmitteln2.

Als Plattform zur Gestaltung eines zukunftsfähigen Ernährungssystems streben wir im Ernährungsrat Wien deshalb an, dieses Ernährungssystem in seiner Gesamtheit im Blick zu haben und legen unseren Fokus auf jene Aktivitäten, die sich auf mehreren Ebenen positiv auswirken. Die Stadt Wien, die bereits in vielen Bereichen eine hohe Lebensqualität ermöglicht3, kann auch zum Vorreiter für ein demokratisch gestaltetes, sozial und ökologisch nachhaltiges Ernährungssystem werden. Deswegen machen wir sie zum Ausgangspunkt einer regionalen Ernährungswende.

Bei einem Querschnittsthema wie Ernährung kommt der Einbeziehung von AkteurInnen aus verschiedenen Bereichen der Lebensmittelkette sowie aus Politik und Verwaltung, dem Wissenschaft- und Bildungssektor, Umwelt- und sozialen NGOs und der Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle zu. Dadurch können Beteiligte für unterschiedliche Perspektiven und Bedürfnisse sensibilisiert sowie die politische Umsetzung ganzheitlicher Handlungsansätze gefordert werden.

Vier Positionspapiere

Was wir von einem sozial und ökologisch nachhaltigen Ernährungssystem erwarten

Wir wollen gutes Essen für alle in Wien und gemeinsam den Wandel hin zu einem Ernährungssystem, das auf Gerechtigkeit, Miteinander und Vielfalt basiert, gestalten.

Dafür setzen wir uns im Ernährungsrat Wien zusammen mit vielen zivilgesellschaftlichen AkteurInnen ein. Gemeinsam setzen wir uns einerseits mit den Herausforderungen, die diese Wende aus zivilgesellschaftlicher Perspektive erforderlich machen, auseinander und beschäftigen uns andererseits mit den Veränderungen, die wir für deren Lösung für nötig halten. Diese kritische Auseinandersetzung erfolgt im Ernährungsrat Wien in thematischen Arbeitskreisen und wurde in vier Positionspapieren verschriftlicht. Ausgehend von den Arbeitsschwerpunkten dieser Arbeitskreise fassen sie unsere Ansichten und Positionen zu vier zentralen Themenbereichen des Wiener Ernährungssystems zusammen:

Alle Positionspapiere beginnen mit der Ausgangslage und wichtigen Fakten zum jeweiligen Themenfeld. Damit zeigen wir, warum Veränderung notwendig ist. Mit der anschließenden Vision für ein nachhaltiges Ernährungssystem beschreiben die Mitwirkenden, wie es auch anders aussehen könnte. Für den Weg dahin geben wir abschließend konkrete Empfehlungen, die aus zivilgesellschaftlicher Sicht umgesetzt werden müssen, um die gesteckten Ziele zu erreichen und eine Umorientierung hin zu einem nachhaltigen Ernährungssystem zu schaffen.

Wie sind die Positionspapiere entstanden?

Bei unserem Workshop Vom Reden ins Tun im Frühjahr 2019 haben sich die ersten Arbeitskreise des Ernährungsrat Wien rund um für die beteiligte aktive Zivilgesellschaft wichtige Themenfelder gebildet. In diesen Arbeitskreisen bearbeiten engagierte BürgerInnen diese Themen mit Fokus auf Wien. Sie zeigen aus zivilgesellschaftlicher Perspektive die Probleme und Erwartungen auf. Die Ergebnisse dieser kritischen Auseinandersetzung wurden im Anschluss in Positionspapieren dokumentiert.

Entsprechend unserer Mission „vernetzen - verstehen - verändern“ kam breites Erfahrungswissen der Aktiven zusammen und sorgte für eine Vielfalt an Perspektiven während der Erarbeitung der Positionen. Auf dieser Basis wurden Empfehlungen und konkrete Lösungsvorschläge für ein nachhaltiges Ernährungssystem formuliert. Zusätzlich haben wir uns einen Überblick über die jeweils spezifische Akteurslandschaft verschafft, um zentrale AkteurInnen ausfindig zu machen. Diese wurden um Feedback gebeten, um so die jeweiligen Positionen einer Prüfung durch ExpertInnen zu unterziehen.

Der Ablauf sah zum Beispiel so aus: der Arbeitskreis Gemeinschaftsverpflegung hat nach Erstellung seiner konkreten Position unter anderem Feedback von der Stadtverwaltung und Betreibern von Betriebskantinen eingeholt. Die Kontakte aus unserem Netzwerk geben wir auf Anfrage gerne bekannt. Danach wurde in den Arbeitskreisen entschieden, welche dieser Rückmeldungen berücksichtigt und in die Positionspapiere integriert werden sollten.

Zentrale Ergebnisse

Wien hat eine sehr diverse Bevölkerung, die mit gesunden und nachhaltig produzierten Lebensmitteln versorgt werden soll. Das stellt das städtische Ernährungssystem vor große Herausforderungen. Die möglichen Lösungsansätze sind vielfältig: z.B. der Erhalt von Flächen zur urbanen und regionalen Lebensmittelproduktion  ohne dabei in Konkurrenz zu leistbarem Wohnraum zu stehen, der Einkauf von nachhaltig und regional erzeugten Lebensmitteln in der Gemeinschaftsverpflegung ohne übermäßige Erhöhung des Budgets, wenn Verschwendung und Fleischkonsum reduziert werden, das Einpreisen von externen Kosten der Lebensmittelproduktion, um der Preisverzerrung entgegenzuwirken und hochwertige Lebensmittel für alle leistbar zu machen4, sowie das Schaffen und gezielte Fördern fairer und derzeit nur in Nischen existenter, „alternativer“ Lebensmittelbezugsquellen – nur um ein paar zu nennen.

 

Zusammenhang zwischen Querschnittsthemen und Positionspapieren
Abbildung 1: Zusammenhang zwischen Querschnittsthemen und Positionspapieren

 

Viele Lösungsansätze haben Überschneidungen mit den anderen Themen: so leisten Bewusstseinsbildung und der Einkauf von ökologisch und fair produzierten Lebensmitteln in der Gemeinschaftsverpflegung auch einen Beitrag zur Gesundheit der WienerInnen. Wissen über die Produktion und Zusammenhänge in der Lebensmittelkette, über die Zubereitung von Speisen und die Auswirkungen verschiedener Lebensmittel auf das Klima erhöhen das Bewusstsein und kurbelt gleichzeitig die regionale Lebensmittelerzeugung an. Zusätzlich gehen damit positive Umwelteffekte einher. Ein weiteres Beispiel ist der Einfluss der Wiener Stadt- und Raumplanung: sie ermöglicht oder behindert städtische und stadtnahe Landwirtschaft, den Zugang zu verschiedenen Lebensmittelbezugsquellen wie Discounter oder Bauernmärkte und kann so beeinflussen, wie leicht und alltagstauglich oder schwer es für verschiedene Bevölkerungsgruppen ist, sich gesund und nachhaltig zu ernähren.
Neben den Zusammenhängen zwischen diesen Bereichen gibt es Querschnittsthemen (Abb. 1), die in allen Positionspapieren gleichermaßen eine Rolle spielen, jedoch aufgrund des Schwerpunktes des Papieres nicht vertiefend behandelt werden konnten. Diese lassen sich in vier Themenblöcke zusammenfassen:

 

I. Zugang zu gutem Essen

Der Zugang aller Bevölkerungsgruppen zu nachhaltigem und gesundem Essen muss jederzeit bedingungslos gewährleistet sein. Dafür braucht es etwa eine klare Kennzeichnung solcher Lebensmittel, entsprechende Angebote in der Gemeinschaftsverpflegung und im Handel sowie das Einpreisen von externen Kosten und die gesicherte Leistbarkeit solcher Lebensmittel.

 

II. Regionale Ernährungskreisläufe

Regionale Lebensmittelerzeugung soll belebt und Ernährungskreisläufe verkürzt werden. Das kann durch die Sicherung der Abnahmemengen von regional erzeugten Lebensmitteln und die enge Zusammenarbeit zwischen AkteurInnen innerhalb des Kreislaufes von der Erzeugung zur Entsorgung passieren. Außerdem können konkrete Maßnahmen zur Verkleinerung der Kreisläufe beitragen: indem z. B. durch die Flächenwidmung städtische Flächen für die Lebensmittelproduktion bewahrt werden oder das Innovations-Potenzial von Initiativen und Start-ups im Lebensmittelsektor unterstützt wird.

 

III. Bewusstsein – Bildung – Partizipation

Unser Ernährungssystem muss demokratischer werden. Voraussetzung dafür ist entsprechendes Wissen über Lebensmittel und deren Erzeugung, ihre Zubereitung, gesundheitliche Aspekte oder damit verbundene Klimaauswirkung. Das ist zentral, um zu mehr Solidarität zwischen ErzeugerInnen und KonsumentInnen beizutragen. Schließlich erfordert Ernährungsdemokratie auch konkrete Möglichkeiten und Handlungsspielräume, um bei der Ausgestaltung des Wiener Ernährungssystems gemeinsam gestalten zu können.

 

IV. Klimawandel, Umweltfolgen und Ressourcennutzung

Ökologische Zukunftsfähigkeit muss die Prämisse eines nachhaltigen Ernährungssystems sein. Der Zugang und die Leistbarkeit von gutem Essen für alle darf nie auf Kosten der Umwelt, in der diese Lebensmittel produziert werden, oder zulasten der in dieser Umwelt arbeitenden Menschen gehen. Die heutigen und zukünftigen Auswirkungen unserer Ernährung und einzelner Lebensmittel sind weitgehend bekannt. Durch das entsprechende Bewusstsein für und den Bezug von regional erzeugten, vorwiegend pflanzenbasierten Lebensmitteln kann der individuelle Einfluss genutzt werden. Gemeinsam wollen wir die dafür nötigen Strukturen stärken.

 

Thematische Schnittmengen
Abbildung 2: Thematische Schnittmengen

 

Die Arbeit an einem umweltschonenden und sozial gerechten Ernährungssystem wird insbesondere dann gut gelingen und besonders wirksam werden, wenn die verschiedenen Themenfelder wie z. B. Gesundheit, Leistbarkeit und Regionalität nicht isoliert betrachtet sondern zusammen gedacht und ihre Umsetzung mit allen beteiligten Akteuren angegangen wird.

 

Danksagung

Wir möchten uns bei allen bedanken, die beim Prozess zur Entstehung der Positionspapiere in den Arbeitskreisen oder mit ihrem Feedback als ExpertInnen mitgewirkt haben. Ohne sie wäre diese wichtige Arbeit nicht möglich gewesen.

 

Nächste Schritte

Die Positionspapiere verdeutlichen die momentanen Standpunkte der Arbeitskreise im Ernährungsrat und bilden so unsere Ausgangspunkte für eine umfassende Ernährungsstrategie, an der wir in Kooperation mit der Umweltschutzabteilung der Stadt Wien (MA22) (https://ernaehrungsrat-wien.at/2019/10/13/entwicklung-der-ernaehrungsstrategie-fuer-die-stadt-wien/) arbeiten werden. In diesem Strategie-Prozess werden gemeinsam mit der Stadt Wien Handlungsfelder, Ziele und konkrete Maßnahmen für ein nachhaltiges Ernährungssystem erarbeitet.

Bei der Entwicklung der Ernährungsstrategie für Wien ist eine breite gesellschaftlichen Beteiligung essenziell – da die Strategie nicht nur für, sondern vor allem auch von den Bürgern und BürgerInnen der Stadt Wien erarbeitet werden soll. Diese Beteiligung wollen wir durch gezielte Maßnahmen sicherstellen. Weitere Details dazu folgen auf unserer Homepage. Wer nicht warten will, ist jetzt schon herzlich eingeladen, sich einzubringen.

 

Weiterführende Information

Die komplexen Zusammenhänge, die unser globales Ernährungssystem auszeichnen und die wir im Ernährungsrat Wien bearbeiten, sind in den folgenden Kurzvideos übersichtlich und einfach dargestellt:

 

Alle Positionspapiere zum Download

 

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1 Vermeulen, S. J., Campbell, B. M., & Ingram, J. S. (2012): Climate change and food systems. Annual review of environment and resources, 37.
2 Vgl. Parsons, K. and Hawkes, C. (2018) Connecting food systems for co-benefits: How can food systems combine diet-related health with environmental and economic policy goals? Policy Brief 31, World Health Organization.
3 Wiener Tourismusverband: Wien zum 10. Mal lebenswerteste Stadt der Welt! https://www.wien.info/de/lifestyle-szene/lebenswerteste-stadt (aufgerufen am 13.12.2019).
4 How much is the dish – was kosten uns Lebensmittel wirklich? Studie der Universität Augsburg (https://www.tollwood.de/presse/how-much-is-the-dish-was-kosten-uns-lebensmittel-wirklich/)

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