„Wege zur Ernährungsdemokratie“ Bericht vom 2. Vernetzungskongress deutschsprachiger Ernährungsräte in Frankfurt

12.01.2019, Charlotte Kottusch

Foto Abschlussplenum
Foto: Annelie Sieveking

Vom 23.-25. November 2018 fand in Frankfurt am Main der zweite Vernetzungskongress der Ernährungsräte statt. Er bot reichlich Raum, um den Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen Initiativen und bereits gegründeten Ernährungsräten zu stärken. Impulse unter anderem aus Kopenhagen und Toronto beeindruckten und zeigten: nachhaltigere Ernährungssysteme in Städten sind möglich – und Ernährungsräte können wesentlich dazu beitragen!

Zusammen mit Katharina Schuller und mir fanden sich rund 150 TeilnehmerInnen für den 2. Vernetzungskongress in Frankfurt ein. Viele der vertretenen Ernährungsräte und Ernährungsrat-Initiativen hatten auch schon 2017 am ersten Vernetzungskongress deutschsprachiger Ernährungsräte unter dem Motto „Ernährungsdemokratie jetzt“ teilgenommen. Dadurch war der Kongress eine hervorragende Gelegenheit, von den anderen zu erfahren, welche Entwicklungen es seit dem letzten Jahr gegeben hat, welche Erfolge sie feiern und welchen Herausforderungen sie begegnen mussten.

Seit der Gründung der ersten Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum in Köln und Berlin 2016, wurden in den letzten Jahren weitere zwölf Ernährungsräte gegründet und viele weitere Initiativen ins Leben gerufen. Insgesamt sind ungefähr 40 Initiativen in vielen Städten und Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktiv. Aber auch VertreterInnen aus den Niederlanden und Luxemburg waren dieses Mal bei dem Kongress dabei.

Herausforderung und Chance gleichzeitig

Neben dem Austausch untereinander, hinterließen auch die Vorträge von eingeladenen ExpertInnen einen starken Eindruck. Besonders Olivier De Schutter, Gründer und Vorsitzender des International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES-Food) und ehemaliger UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung (2008-2014) hat für mich treffende und klare Worte gefunden, um zentrale Herausforderungen auf den Punkt zu bringen, denen alle Ernährungsräte zwangsläufig begegnen:

Er skizzierte in seinem Vortrag drei Dichotomien (Gegensätze), zwischen denen sich Ernährungsräte bewegen und zu deren Überwindung sie teilweise beitragen können:

  1. invented vs. invited spaces in society: der selbst geschaffene oder durch die Stadt „eingeladene“ Platz für Ernährungsräte und ähnliche Initiativen in der Gesellschaft
  2. representative democracy vs. particiatory democracy: Ernährungräte können die gemeinschaftliche Gestaltung des Ernährungssystems zurückerobern und dafür sorgen, dass die Entscheidungsmacht nicht auf eine kleine Gruppe von Akteuren beschränkt bleibt.
  3. non-profit logic vs. economic logic: Die häufig durch Ehrenamt bestimmte Arbeit von zivilgesellschaftlichen Initiativen begegnet der wirtschaftlichen Logik, die die meisten Teile des Ernährungssystems dominiert.

Darauf aufbauend empfahl De Schutter den Ernährungsräten, „sich in politischer Vorstellungskraft zu üben“ und auf Basis des vielfältigen Wissens der verschiedenen in Ernährungsräten zusammenkommenden Akteure zu neuen Formen zu finden, die vom Zusammenkommen dieser drei Dichotomien profitieren. Da De Schutter diese Herausforderungen – und Chancen – selbst sehr viel besser beschreiben kann als ich, empfehle ich, den Vortrag (englisch) anzuschauen:

 

Erfahrungen aus Toronto

In Toronto gibt es einen der weltweit ältesten Ernährungsräte (Toronto Food Policy Council – TFPC). Anders als in vielen deutschsprachigen Städten ist er mit mehreren festen Stellen durch die Stadt Toronto ausgestattet worden und kann auf langjährige Erfahrung zurückblicken.

Lori Stahlbrand (Gesundheitspolitik-Verantwortliche des TFPC) berichtete davon, wie der TFPC dazu beitrug, die bestehenden Ernährungspolitiken, die entweder auf die Produktion oder auf „die gesunde Ernährung (nutrition)“ fokussierten, um die auf die BewohnerInnen Torontos fokussierende Ernährungspolitik zu ergänzen (production and nutrition-centered food policy vs. people-centered food policy).

Wie eine solche Politik umgesetzt werden kann, hat der TFPC in einer Ernährungsstrategie 2018 (Toronto Food Strategy 2018) beschrieben.

Sie berichtete außerdem von neuen Projekten, die erfolgreich umgesetzt wurden. So zum Beispiel der Aufbau eines Netzwerkes für den Anbau „exotischer“ (aber trotzdem auch in Kanada gedeihender) Lebensmittel, die zentral in der Ernährungskultur verschiedener Bevölkerungsgruppen in Toronto sind. Eine Strategie zum Schutz von Bienen und anderen bestäubenden Insekten wurde in der Stadt umgesetzt und an einer Strategie zur Bekämpfung von armutsbedingter Mangelernährung wird gerade gearbeitet.

Diversität, Handlungsfähigkeit und Ernährungsstrategien

Der Großteil der zwei Kongresstage wurde für Workshops und Interaktion der zusammengekommenen Ernährungsräte genutzt. Sowohl bei dem ersten als auch bei diesem Kongress waren dies die Momente, aus denen ich besonders viel und direkt für unsere Initiative mitnehmen konnte. Es ist interessant zu sehen, wie viele der Anfangsprobleme oder allgemeinen Herausforderungen auf dem Weg von Ernährungsräten, von vielen geteilt werden und welche unterschiedlichen Wege es aber auch gibt, um diesen zu begegnen.

Zum Beispiel im Hinblick auf die von Ernährungsräten angestrebten Vielfältigkeit. So wurde intensiv die Fragen diskutiert, „wie wir über das weiße Bildungsbürgertum hinauskommen“ wobei der verwendeten Sprache – nicht nur Mutter- oder Fremdsprache, sondern auch der „Einfachheit“ der Sprache – eine besondere Bedeutung zugemessen wurde. Besonders da Ernährungsräte sich in einem Feld bewegen, das potentiell voll ist mit Fremdworten wie „Ernährungssystem“, „Akteure“, „Ernährungssouveränität“ oder „Lebensmittelwertschöpfungskette“. Ebenso wichtig wurde die Dosierung von „moralischen“ oder subtil „bewertenden“ Anteilen in der Kommunikation bewertet.

Ein weiteres brisantes Thema, dem wohl alle Initiativen begegnen, die Ernährungsräte als wirklich offene und demokratisch agierende Foren aufbauen wollen, ist das der „Basisdemokratie vs. Handlungsfähigkeit“. In dem entsprechenden Workshop diskutierten wir die Verteilung von repräsentativer Demokratie (z.B. gewählte SprecherInnen) und direkter Demokratie (z.B. finale Entscheidungen werden im Plenum, welches für jeden Menschen offen ist, gefällt). Diese Balance zu erreichen (von der auch in dem Vortrag von De Schutter die Rede war), habe ich gelernt, braucht einiges an gut bedachter Vorsorge und einiges an „Learning by doing“.

Schließlich fand ich den Prozess der Erarbeitung einer Ernährungsstrategie für Berlin sehr eindrucksvoll, bei dem der Weg, also der Prozess des Zusammenbringens der verschiedenen Akteure und Gruppen, der Diskussionskultur als mindestens genauso wichtig empfunden wurde, wie das finale Ergebnis – das Ernährungsstrategie-Papier selber. Für uns nehme ich dabei außerdem mit, dass wenn in dem Prozess das eine Ziel erreicht wurde, nämlich möglichst diverse Akteure und damit Perspektiven einzubinden, ist es umso wichtiger, dass man zu Beginn der „Auftragsklärung“ ausreichend Raum gibt. Dass also alle Beteiligten die gleiche und klar formulierte Zielsetzung verfolgen und an einem Strang ziehen.

Am letzten Tag des Kongresses, nach den vielen intensiven Open-Space-Sitzungen und Diskussionen zwischendurch, versammelten sich die Kongressteilnehmer zu einem letzten Plenum, um die Frankfurter Erklärung des Netzwerkes der Ernährungsräte zu verabschieden. Neben den vielen konkreten Informationen und Anregungen, hat mich der 2. Kongress der Ernährungsräte in Frankfurt vor allem zuversichtlich gestimmt: wir können einiges erreichen und sind auf einem sehr guten Weg – und das nicht alleine!

Weitere Informationen

Einen ausführlichen Bericht (auf Englisch) findet ihr hier:
https://leveragepoints.org/2018/12/10/food-democracy-now-the-second-networking-congress-of-german-food-policy-councils/

Einen Bericht zum ersten Kongress 2017 in Essen findet ihr hier:
https://leveragepoints.org/2017/11/23/the-beginning-of-a-new-food-movement-in-essen/