Wie wurde die Gründung des Ernährungsrats vorbereitet?

Wir sind ein zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss engagierter Menschen, der sich im Herbst 2016 mit dem Ziel einen Ernährungsrat für Wien zu gründen, zum ersten Mal zusammenfand. Inspiriert von Erfahrungen aus Deutschland machten wir uns auf den Weg und erarbeiteten in einem offenen, demokratischen Entscheidungsprozess Ziele, Leitlinien und mögliche Struktur des Ernährungsrates Wien. Neben konzeptionellen Vorarbeiten setzten wir uns durch eine erste Bestandsaufnahme mit den verschiedenen Bereichen des Wiener Ernährungssystems, von der Produktion bis zum Abfall, auseinander. Nicht zuletzt arbeiteten wir an der Vernetzung mit relevanten Akteurinnen und Akteuren unter anderem aus Verwaltung, Produktion, Entsorgung, sozialen Organisationen und dem Handel. Schon jetzt können wir auf eine intensive Zeit des Zusammenbringens und Vernetzens von Wissen, Erfahrungen und Erkenntnissen zurückblicken.

Warum braucht es Ernährungsräte? Und vor welchem Hintergrund sind sie entstanden?

Städte und Ernährung weisen in vielerlei Hinsicht ein besonderes Verhältnis auf: der extremen Dichte von KonsumentInnen steht ein verschwindender Einfluss der Städte (sowohl auf Ebene der Verwaltung, als auch durch die städtische Bevölkerung) auf ihre Versorgung gegenüber. Ernährungspolitisch relevante Entscheidungen (wie Lebensmittel erzeugt, gehandelt, verzehrt oder entsorgt werden) werden zumeist auf nationaler, transnationaler und globaler Ebene getroffen und durch die Interessen von an Macht gewinnenden Agro-Food-Konzernen wesentlich beeinflusst.

Hinzu kommt, dass mit dem Thema Ernährung zusammenhängende Umwelt-, soziale und ökonomische Probleme oftmals als unzusammenhängend betrachtet und entsprechend fragmentiert von einer Vielzahl von verschiedenen Institutionen und politischen Sektoren isoliert angegangen werden. Viele Problemzusammenhänge bleiben unverstanden, was eine angemessenere, koordinierte Vorgehensweise erschwert.

Als Antwort auf diese Entwicklungen entstehen in immer mehr Städten Ernährungsräte - im englischsprachigen Raum als „Food Policy Council“ bekannt, welche in den 1980er Jahren in den USA entstanden, wo es heute weit über 200 solcher Initiativen gibt.

Entgegen der beschriebenen Fragmentierung verfolgen Ernährungsräte eine ganzheitliche Herangehensweise und arbeiten disziplin- und sektorenübergreifend, um zu strategisch-koordinierten Lösungsfindungen beizutragen. Indem die unterschiedlichen, sich ergänzenden Expertisen an einen Tisch gebracht werden und die aktive Partizipation verschiedener Akteure im politischen Prozess etabliert wird, lassen Ernährungsräte kollaboratives politisches Handeln Realität werden.

Quelle und weitere Informationen: Stierand, Philipp: Speiseräume: die Ernährungswende beginnt in der Stadt

Was ist ein Ernährungsrat? Wo gibt es noch Ernährungsräte?

Allgemeine Informationen zu Ernährungsräten, warum es sie braucht, wo und wie sie entstanden sind und Tipps zu guter Literatur, findest du auf dem Speiseräume Blog. Dort gibt es außerdem eine Karte, wo bisherige Initiativen und bereits gegründete Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum aufgeführt sind.

Einen guten Überblick gibt außerdem INKOTA netzwerk und das Handbuch "Unser Essen mitgestalten!". Eine Leseempfehlung für alle, die mehr zum Hintergrund, bestehenden Ernährungsräten (zum Beispiel in den USA oder Brasilien) oder Unterschieden von Ernährungsräten wissen wollen oder - informiert durch praktische Hinweise und konkrete Tipps - selbst einen Ernährungsrat gründen wollen.